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Young Talents Blog

Wie die PR-Brille den Blick auf die schöne Konsumwelt trübt

Erstellt am: 05. Oktober 2015

Wie viele meiner Altersgenossen – den sagenumwobenen „Millennials“ – greife ich allmorgendlich als erstes nicht etwa zur Kaffeetasse oder der Zeitungslektüre, sondern zum Smartphone. Sind Whatsapp-Nachrichten eingegangen? Was weiß die FAZ-App zu berichten? Und gaaanz wichtig – und mit Sicherheit die am meisten Zeit raubende Frage: Was passiert gerade auf Instagram? Ausreichend Zerstreuung und Grund genug also für meinen morgendlichen Schweinehund, sich weitere gemütliche 20 Minuten im Bett einzurollen.

Schon die ersten Instagram-Posts lassen keinen Zweifel: „Statement“-Schuhe und untragbare Streetstyles wohin das Auge blickt – es ist Fashion Week. Waren die Mode-Ladies in der Vorwoche noch in New York und auf den Mailänder Schauen, so versammelt sich die illustre Modeszene wenige Tage später in Paris.

Wenn Instagram einen menschlichen Trieb befriedigt, dann den der Schaulust. Dabei gelangt bei den großen Fashionplayern schon längst nichts mehr zufällig ins Bild. Mittlerweile wissen auch weniger „fashionable“ Marken sich die Reichweiten der Modeblogger und -instagrammer zunutze zu machen. So erfahre ich in Nullkommanichts, von welcher Brand der wie zufällig platzierte Smoothie oder Detox Tee stammt – und sogar bei welchem wenig glamourösen Lieferdienst in Paris bestellt worden ist.

Doch allein die Illusion, ganz persönliche Einblicke in den Alltag der Topblogger zu gewinnen, generiert massenhaft Follower. Dass die Inszenierung der morgendlichen Acai-Bowl (#superfruit), das Drapieren der neuesten It-Bag (#Chloé) und das gekonnte Zerknautschen der weißen Bettlaken (#25hourshotel) nicht nur einige Zeit, sondern häufig auch ein üppiges Honorar in Anspruch genommen haben, scheint für viele Follower zweitrangig zu sein.

 

Als PR-ler gelingt das Ausblenden hingegen meist nicht so gut: Wer einmal die Preisliste der großen Blogger abgerufen hat, weiß, dass für eine solche Produktplatzierung ein saftiger Betrag fällig werden kann. Die spontane Momentaufnahme ist also längst passé. Das Feedback kommt dafür umso unmittelbarer und in Form von tausenden Likes und Kommentaren. Das macht das Format aus Marketer- und PR-Sicht umso interessanter.

Und wie es so oft ist: Wider besseren Wissens ist auch das Kaufverlangen unmittelbar da! So ist die geballte Ladung Konsumempfehlung nicht nur Inspiration für den Berufsalltag in einer PR-Agentur, sondern befeuert auch das eigene Kaufverhalten. Sonst wäre ich wohl nie auf die Idee gekommen, gerade einen „Skinny Detox“-Tee zu schlürfen, mir wie eine 15-Jährige metallische Tattoos auf den Unterarm zu kleben und morgens völlig geschmacksneutrale Chia-Samen zu essen…